kein Wissen gibt's, der Seele Bildung im Gesicht zu lesen

SHAKESPEARE



mit der Integration des griechischen Gedankengutes in die jüdisch-christliche Tradition wurde der Psyche, der Seele, eine der klassischen griechischen Kultur fremde, theologische Bedeutung beigemessen
entsprechend verschob sich die Schwerpunktsetzung von der Erkenntnistheorie zur Ethik, von ’wie erwerbe ich wissen?‘ zu ’wie rette ich meine Seele?‘
und dennoch spielte das individuelle selbst, sowohl aus intellektuellen als auch aus gesellschaftlichen gründen, kaum eine rolle
die Seele, als ’das Abbild‘ und ’Ebenbild Gottes‘ gemacht, wies von mensch zu mensch ebensowenig unterschiede auf, wie es das Vernunft-Selbst nach dem Verständnis der Griechen tat
mittelalterliche Hagiographien (die idealisierten Lebensgeschichten der heiligen) schenkten den Idiosynkrasien individueller leben kaum Beachtung
sie sollten christliche ideale vertiefen helfen, und so fühlten die Biographen des Mittelalters sich legitimiert, Anekdoten aus dem leben eines heiligen zu borgen, um damit das leben eines anderen auszuschmücken
soweit den unterschieden zwischen Personen überhaupt irgendwelche Bedeutung zugestanden wurde, entsprachen sie den etablierten regionalen, klassen- und geschlechtsspezifischen Erwartungshaltung
eine Person wurde in eine bestimmte gesellschaftliche Stellung hineingeboren (als adeliger zum Beispiel, oder als Sklave), das war ihr platz, und dieser platz bestimmte den sinn ihres Lebens.
zu dieser religiösen Orthodoxie und vorgegebenen Gesellschaftsordnung kam hinzu, dass eine intim- oder Privatsphäre im modernen sinne in weiten teilen des Mittelalters so gut wie unbekannt war
die Säle standen Personen aus allen schichten offen, das essen wurde mit nur wenig Essbesteck in gemeinsamen Schüsseln serviert, und fremde, die in Gasthäusern übernachteten, teilen dasselbe Bett
angesichts fehlender Privatsphäre zählten persönliche Gefühle und wünsche im vergleich zur sozialen Stellung und zu den öffentlichen Ritualen kaum
Emotionen wurden nicht gehemmt, ihnen wurde aber auch keine grosse Bedeutung beigemessen, ausgenommen solche, die die Tugenden und Laster christlicher Ethik widerspiegelten
in dieser Hinsicht gibt es durchaus gewisse parallelen zwischen der mittelalterlichen Einstellung zu Emotionen und dem selbst und der heute in China vorherrschenden Haltung, wie POTTER sie beschrieb
parallelen, die allerdings nicht überinterpretiert werden sollten, da es zwischen der zur Bedeutung und Gewichtung der Emotionen und des selbst beitragenden Gesellschaftsstruktur und -ideologie im feudalen Europa jener tage auf der einen und dem modernen China auf der anderen Seite krasse unterschiede gibt
mit der Industrialisierung und Urbanisierung wuchsen in Europa auch die Möglichkeiten, Privatsphäre und Anonymität zu finden
und mit dem Zusammenbruch des Feudalsystems und der geminderten Autorität der Kirche setzte sich eine stärkere Gewichtung des individuellen selbst durch
ein langsamer, aber sich stetig beschleunigender Prozess kam in gang
vom 12. bis zum 16. Jahrhundert kristallisierte sich die heute bekannte Unterscheidung zwischen dem privaten und dem öffentlichen selbst heraus, und mit dieser allmählich gewachsenen Anerkennung tauchte eine neue frage auf: wie konnte man sicher sein, was hinter den Masken steckte, die andere menschen in der Öffentlichkeit zeigten?
es ist nur ein kurzer schritt vom Zweifel an der Aufrichtigkeit anderer zum Zweifel an der eigenen Aufrichtigkeit: wie kann ich sicher sein, dass das, was ich bewusst erfahre, tatsächlich genau meine wahren Gefühle und wünsche reflektiert?
die Vorstellung vom unterdrückten (unbewussten) selbst, das sogar dem eigenen (bewussten) selbst verborgen ist, erreichte in der ’tiefen‘-psychologie des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt
FREUD wird gelegentlich nachgesagt, er habe das unbewusste entdeckt
was ihm zugute gehalten wird, war jedoch weniger eine Entdeckung als vielmehr die Kulmination einer langen kulturellen Entwicklung
’komm mit deinen Gefühlen in Kontakt.‘ / ’sei authentisch.‘ ’hör auf, eine rolle zu spielen.‘ / ’du kannst erst dann intim mit jemandem sein, wenn du intim mit dir selbst bist.‘ so und ähnlich lauten die Schlagworte der aktuellen Populärpsychologie

… in einer säkularen, psychologisch orientierten Gesellschaft können die Verehrung des ’inneren‘ selbst leicht zu einer Ersatzreligion und Emotionen, ähnlich wie die Orakel bei den alten Griechen, als boten von Wahrheiten betrachtet werden, die tiefer oder fundamentaler als die durch den gewöhnlichen verstand oder die sozialen Gepflogenheiten aufgedeckten Wahrheiten sind
dass wir mit der Idee des potentiellen wertes, den ein emotionsreiches Leben hat, sympathisieren, ist wohl offensichtlich
Emotionen können eine spirituelle kraft zur Verbesserung des menschlichen Daseins sein
wären wir nicht dieser Ansicht, hätten wir dieses buch nicht geschrieben
aber gleich zu Anfang möchten wir vor einem bestimmten Trend in der modernen Gesellschaft warnen, nämlich vor einer unkritischen Glorifizierung der Emotionen, einer Lass-alles-raus-Einstellung
wie zuvor skizziert, erhielten Emotionen im laufe der langen westlichen Geschichte den Stellenwert eines Bindegliedes zwischen Individuum und der vorherrschenden moralischen Ordnung
eine auf eine langfristige Verbesserung für beide Seiten, das selbst und die Gesellschaft, abzielende emotionale Kreativität erfordert somit ein gesundes Urteilsvermögen und Besonnenheit sowie Innovationsbereitschaft und den Mut, Ablehnung zu riskieren
emotionale Kreativität kann nicht als Entschuldigung für unbedachte emotionale Eskapaden herangezogen werden

bei AVERILL & NUNLEY